Wuschel in Gefahr

Ein Sonntagsausflug

Mich muss der Teufel geritten haben, als ich zusagte, am Sonntag mit auf Motorradtour zu gehen (fahren). Ich durfte, mangels eigenem Motorrad, beim Teufel höchstpersönlich mitfahren – hinten drauf, auf Sig’s Feuerstuhl.

Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass er seine rechte Hand sehr gut unter Kontrolle hatte.05 mot 010
Wie sitzt man überhaupt als Sozius auf so einem Gefährt? Der Sitz ist unbequem und ich habe die gesamte Fahrt damit verbracht, eine geeignete Sitzposition zu finden. Hinter dem Sitz sind zwei Griffe angebracht. An diesen hielt ich mich fest, doch nach einer Weile hatte ich dickere Unterarme als bei Andreas am Seil. Zudem hatte ich bei jedem Gasgeben das Gefühl, die Kiste rittlings zu verlassen. Der Tipp von Sig, ich solle mich am Tank abstützen war auch nicht das Wahre. Zwar hatte ich keine dicken Unterarme mehr, dafür zog es jetzt in den Oberarmen. Dazu kommt noch, dass man bei diesem Manöver der Fahrer gewissermaßen umarmt. Damit hatte ich so meine Schwierigkeiten denn Sig ist ein Mann!

Als ich Platz genommen hatte, schlich sich bei mir die Frage ein: Was kann daran so toll sein, als Organspender seine Freizeit zu verbringen?

Biker sind ein verschworener Haufen. Sie treffen sich am Wochenende ganz in Leder gewandet (wer es sich leisten kann), wie einstmals Buffalo Bill und träumen vom Ritt durch unberührte Weiten. Ihre verschwitzten Ganzkörperlederkondome riechen nach Freiheit und Abenteuer – so glauben sie wenigstens. Auf dem Kopf tragen sie so komische Plastikschüsseln mit Fenster anstatt des breitkrempigen Hutes. Schützt aber auch gegen die Sonne. (Ich bekam auch einen verpasst.) Die Rast wird nicht mehr am offenen Feuer gemacht, sondern man begibt sich ins Gasthaus.

In diesem Fall eine Höhle, vollständig aus dem Sandstein gehauen, in der geschäftstüchtige Leute einen Kneipe für Biker eingerichtet haben.

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 Sandsteinhöhlen bei Velenice (nahe Zakupy) Link zur Höhle
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Waffen, wie einst im Wilden Westen, sieht man am modernen Biker auch keine mehr, doch der Schein trügt: Früher hatten die Fortbewegungsmittel so ungefähr 1 PS und die schlimmste Verletzung war ein Biss des selben. Heute haben diese Fortbewegungsmittel über 100 PS und können in den falschen Händen zu fürchterlichen Waffen mutieren!

Hat der Biker dann seinen Kaffe (Alkohol ist verpönt) ausgetrunken, fragt er voller Tatendrang: „Wo fahren wir jetzt hin?“ Dann geht es weiter zu irgendeiner Burg, die ganz normal mit vielen anderen Touristen, die auf dem Parkplatz aus Bussen und Pkws hervorquellen, besichtigt wird. Einziger Unterschied: Der Helm, als sichtbare Auszeichnung gegenüber dem gemeinen Volk, wird, am Unterarm hängend, die ganze Zeit mit herum getragen.

Manchen Bikern ist ihr Aussehen dann doch zu peinlich und so wird aus der Satteltasche flugs eine Zivilkluft hervorgezaubert. Hat er den Rundgang durch die Geschichte des Mittelalters beendet, geht es in die nächste Kneipe zum Essen fassen. (Eine geeignete Waffe, zum Wild erlegen, war, wie schon erwähnt, nicht an Bord.)

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Felsenburg Sloup (Link zur Burg)

Derartig gestärkt und mit frischen Kräften (davon braucht man viel) schwingt er sich wieder auf sein Stahlross: „Jetzt sehen wir uns noch ‚n paar richtige Berge an!“ Auf irgendwelchen viertrangigen Straßen geht es dann in sicherer Entfernung daran vorbei.

Eine Stunde später bekommt der Biker wieder Hunger und er steuert die nächste Kneipe an. (Nicht ganz so hart gesottene müssen jetzt schon nach Hause zur Ehefrau, den Sonntag retten.) Dort gibt’s dann Eis, wahlweise auch Kaffe oder Tee und er genießt die Aussicht auf den Elbestrom: „Hier ist es aber schööön!“ Gottlob gibt es nicht allzu viele dieser schööönen Plätze, die der Biker mit seiner rasenden Kaffeemühle erreichen kann und er dem wirklichen Naturliebhaber in die Quere kommt.

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Auf dem Belvedere Blick auf die Elbe

Noch ein Wort zum Bikergruß. Anfangs dachte ich, in dieser „verschworenen Gemeinde“ kennen sich alle untereinander, weil sie sich so vertraut begrüßen. Die Durchführung geschieht folgendermaßen: Die linke Hand wird in der Artgeformt, als wolle man beim Kellner drei Bier bestellen, etwa zehn Zentimeter vom Lenkergriff abgespreizt und gewartet, bis der Gegenverkehr vorüber ist. Sitzt man gerade nicht auf seinem Bike (Motorrad), kann man dazu auch leicht in die Hocke gehen und die Beine etwas spreizen (so wie Strude), die Augen zu Schlitzen verengen und den Mund etwa so formen, als wolle man „Das Örtliche“ bestellen. Das verleiht dem Ganzen den zusätzlichen Ausdruck.

95% der Biker tun so, als wären sie mit sich und der Welt im Reinen und besitzen nur ihr Motorrad, einen Schlafsack und das Geld für die nächste Tankfüllung. Doch die selben Leute kaufen sich dann bei nächster Gelegenheit einen Plastikgartenzwerg vom Vietnamesen in Hrensko, freilich nicht, ohne gehörig um den Preis gefeilscht zu haben. Zu Hause angekommen, stellen sie ihn in ihrem Vorgarten auf und betrachten ihn mit einem einfältigem Lächeln. Zur Ehefrau gewandt: „Ist der nicht schön?“ Am nächsten Arbeitstag rasieren sie sich gründlich, zwängen sich in einen Nadelstreif von Armani, legen Cerutti 1881 auf, steigen in ihren 190 E und fahren auf Arbeit ins Büro, wo sie dann ihren staunenden Kollegen von ihren Abenteuern berichten. Nach der Arbeit geht es noch schnell am Blumenladen vorbei um mit einem Riesenstrauß bei der Ehegattin um Gutwetter wegen des ausgefallenen Familiensonntags zu bitten.

Ich hoffe nur, dass Biker nicht so fundamentalistisch sind. Denn für ähnliche Zeilen über die Muslime hat ein schiitischer Ayatollah eine Fatwa gegen Salman Rushdie ausgesprochen: Jeder Muslime darf ihn sofort töten, wenn er ihn findet. Zur Zeit lebt er untergetaucht in London…

Wuschel im Juli 2005

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