Hohe Tour für Profis

ZDF Videotext  „Wind aus Ost, an der Küste und im Bergland mäßig“ – ich weiß seit Tagen, dass der Sonntag wettertechnisch nicht ideal wird, aber nur an diesem Tag ist es familientechnisch realisierbar! 5.9. / 7.20 Uhr kann ich bei Oelsnitz i.V. starten, meine liebe Frau und die lieben Kinder haben mich mit dem Auto hier her begleitet und müssen nun die langweilige Autobahn zurück.

 

autorNicht warm genug eingemummelt und mit kurzen Handschuhen geht es an verreiften Wiesen vorbei, immer an der Weißen Elster entlang nach Adorf, links weg durch eine Eisenbahnbrücke, da hängen doch tatsächlich kleine Eiszäpfchen herunter. Mir ist einfach alles kalt! Bald geht es das erste Mal hoch – mir wird schon noch warm werden. Doch bei Zwota und in der Abfahrt nach Klingenthal erst recht nicht. Ein Schild „Vogtlandarena“ lässt Gedanken an Spanien und Stierkämpfe aufkommen, es ist trotzdem noch saukalt! Mühlleithen, das Wintersportzentrum im Vogtland passt da schon eher und in Morgenröthe-Rautenkranz muss Siegmund gerade wieder eine Büchse aus dem Weltall geöffnet haben, gefühlte -273° C! Das Tal nach Carlsfeld, 7,5km – gefühlte 40! Wildenthal, Johann-georgenstadt, Zehen und Finger sind trotzdem noch kalt. Breitenbrunn- echt steil, Rittersgrün- ich verfluche das erste Mal inbrünstig den Wind. Trotzdem ziehe ich die Beinlinge aus, hoch zum Fichtelberg muss mir doch endgültig warm werden und wie `ne Memme will ich da Oben auch nicht ankommen! Tellerhäuser, kalter Fallwind pfeift durchs Tal- Alpen?- ich muss aber hoch!
Über 3 Stunden fahre ich nun schon, von 2, 3 Pinkelpausen abgesehen, und mit einmal wird es ganz schwer. „Jens, mach langsam, der Weg ist noch weit!“ Im Foltergerät erscheint vor dem Komma eine einzelne 9, das gab es schon lange nicht mehr- was soll`s. Links ein riesengroßer Ameisenhaufen, Der Flugzeugpilot sagt: „Sieh mal die Menschen da unten an, die sehen aus wie Ameisen.“ Der Copilot: „Zieh hoch, das sind Ameisen!“ Ich ziehe am Lenker.
Es wird wieder flacher, Abzweig und oben. Große Schorle, Wiener mit Kartoffelsalat- ich habe Knast. He, meine zweite Trinkflasche ist ja noch halb voll, durch die Kälte viel zu wenig getrunken. Vielleicht war es bei den Tellerhäusern deswegen gar so arg geworden? Das draußen sitzen macht keinen Spaß, sofort fröstelt es mir- Taktikänderung! Keine großen Pausen mehr, es wird zu kalt und gegen den Wind holt man auch keine Zeit raus wenn die Pausen nicht fetzen. Also schnell wieder auf`s Fahrrad und in Ruhe weiter.
Die Abfahrt nach Oberwiesenthal stinkt mich an, wo Lukas und ich mal mit über 80 runter sind, muß ich bolzen um über 50 zu kommen. “Scheiß Wind hier“, entfährt es mir. Bis Bärenstein geht es lustlos gegen den Wind weiter, wo fülle ich eigentlich die Flaschen? Es wird sich schon was ergeben. Hoch nach Jöhstadt, wenn doch jetzt eine Pedale abbrechen würde, das wäre ein guter Grund für ein frühzeitiges Ende.
Es geht runter ins Preßnitztal, eine beflügelnde Wettfahrt mit einem Linienbus beginnt. Nach jeweils einem Überholmanöver in Führung liegend steht ein Passagier am Rand, der Bus muss halten und der Vorsprung reicht, damit ich zufrieden in Steinbach einrolle.
Nun geht es nach Reitzenhein - Durst und nichts mehr zu trinken. Der Berg geht noch, wenn auch langsam. Oben muss es doch was geben! Ja, kurz vor der Schwarzen Pockau eine nette Frau im Garten, ich bitte um Wasser. Das Leitungswasser sei zu verchlort und würde nicht schmecken, sie holt ´ne Flasche Wasser und gießt freundlich ein. Danke!
Vor Rübenau fängt es an zu Regnen, vielleicht hört da wenigstens der Wind auf. Mit dem kleinen Felsen neben der Straße wird da nichts, ich liebe das Wetter.
Olbernau hat eine große Tanke, ich kann meine Trikottaschen voll stopfen und sogar was iso-mäßiges in mich und die Flaschen füllen.
Es geht weiter, immer an der Flöha lang bis zur Rauschenbachtalsperre. Die Sonne ist wieder da und ich halte auf der Brücke an, ein schöner Platz, auch wenn der Wind über den See weht. Er ist aber deutlich schwächer geworden. Essen, Trinken, mal zu Hause anrufen, das gibt Kraft.
Bevor es weiter geht noch mal schnell von der Brücke ins Wasser Wasser lassen. Bei Deutsch-Georgenthal weg von der Flöha, hoch und dann wieder runter nach Rechenberg- Bienenmühle. Hole einen VW- Transporter ein, überhole bei den ersten Häusern und gerade da kommt weiter unten ein Polizeiauto entgegen. Aber sie erkennen sofort, dass der Transporter höchstens 40 gefahren ist und außerdem sind sie zu faul zum Wenden und ich hatte nichts verkehrt gemacht und war schon weit weg.( Solche Sätze hab ich bei Helge gelernt! )
Über Holzau  weiter, hoch nach Neuhermsdorf, runter nach Rehefeld und rüber nach Altenberg, an der Tanke das gleiche Spiel. Aber etwas längere Pause in einem windgeschützten Winkel.
Schöne Abfahrt nach Geising, über Löwenhain ins Müglitztal und die Ecke über Fürstenwalde nach Liebenau geholt, da kam der Wind mal von hinten. Breitenau, es geht ordentlich abwärts, rüber ins Bahratal nach Markersbach und rechts hoch wo ich am Ende vom Berg leider wieder die 9 im Tacho sehen muss. Über Raum ins Bielatal wo es trotz Sperrschild gut rollt.
Vollbremsung, das Handy klingelt. Die Kinder wollen mir noch gute Nacht wünschen. Es macht Spaß mit ihnen über ihren Tag zu reden, jetzt habe ich Zeit, bald ist es geschafft. Auch Sandra hat nun die neuesten Infos und jubelt.
Dann nach Cunnersdorf, herrlich neuer Belag  und im Ort links weg Richtung Gohrisch. Kurz vorm Sattel zwei kleine Pfifferlinge am Rand. Ich halte an, ernte sie und nutze den Stop um bei Wuschel anzurufen. Er ist gerade vom Bergwacht-Wettkampf aus Polen zurück, wo er mit den (meisten) unserer Bergwachtmitglieder alles gegeben hatte. Er willigt trotzdem für ein Bier bei Hilde ein. Prima!
 Nun geht es bekannte Straßen, mit herrlichem Blick ins Böhmische, runter nach Krippen. Und nun schon fast wehmütig ein letztes Mal  richtig hoch nach Reinhardtsdorf und um es perfekt zu machen noch bis Schöna Bahnhofstraße höchster Punkt. Ich halte an, setze mich auf eine genau dort stehende blaue Bank und schaue ins Rund. Herrlich. Die Straße runter zum Bahnhof  mute ich meinem guten Renner nicht zu und fahre lieber den Hirschgrund zum Radweg auf dem es dann zum Elbweg 9a geht, es ist 19.40 Uhr.
Wuschel kommt auch hin und wir können uns vom Radfahren und Bergwachtwettkampf erzählen. Mit dem Zug geht es nach Radebeul und das letzte Stück vom Bahnhof weg ist für das Sitzfleisch die Schmerzgrenze!
Entschuldigt bitte den langen Text, aber es war auch eine lange Tour und ich habe ja auch die vielen Überholmanöver von Autos und Motorrädern an mir vorbei extra weggelassen.

Na ja, vielleicht mach ich das auch mal im Sommer  viele Grüße  Jens

Techn. Daten für potentielle Wiederholer:

Streckenlänge: ca. 274 km
Gesamthöhenmeter: 4040 Hm
Reine Fahrzeit:  10h 48 min

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