Zahlenwahn

Es gibt verschiedene Varianten, sich für einen Kletterweg zu motivieren, manche lassen sich durch hervorragende Linien am Fels inspirieren, manche wälzen zu Hause stundenlang den Kletterführer, um dann in der Natur den Weg der Begierde total herrlich zum Kotzen zu finden, oder manche wollen einfach nur einen bestimmten Schwierigkeitsgrad klettern.
Nun gab es auch bei mir eine Zeit, in der römische Zahlen eine gewisse Bedeutung hatten. 1987, aus heutiger Zeit war ich noch ein richtiger Sandstein-Frischling, kletterte ich so meine ersten Wege im VIIer Bereich. Eigentlich nur im "a" Bereich - aber immerhin eine "Sieben".
Am 13.07.87 war ich mit Jens von den Weixdorfern im Brand unterwegs. Warum weiß ich nicht mehr, aber ich wollte unbedingt eine "VII" machen

- Gipfel, Weg, Charakteristik alles egal - Hauptsache eine "VII". Am Drillingsturm die erste Ernüchterung, "Schartenweg"- sieht ja blöd aus, "Vereinigungsweg"- kann man nicht einsehen und soll brüchig und blöd sein...hat man gehört...
Na, da gehen wir besser mal weiter.
Nächster Gipfel laut Kletterführer mit VIIa die Tonne.
"Talweg - VIIa - Von Abs. in der SW-Seite..." wir rennen am Wandfuß um den Gipfel zur SW-Seite "...stumpfe Kante zu R. Rechts queren zu 2.R. (Unterst.) Wand z.G."
...mmh..
"Also nach dem 1.R. passt die Beschreibung aber nicht so richtig...." (Jens),
"Ach was, rechts queren, den kurzen Risskamin und dann links auf dem Band zum 2.R. rüberlaufen - die haben nur das rechts queren als Schwierigkeit so erwähnt, der restliche Weg liegt doch logisch auf der Hand.."(ich),
"Aber brüchig sieht es doch aus.."(Jens),
"Bis zum R. geht es und dann ist man gut gesichert..."(ich),
und außerdem ist es eine VII (auch ich).

Bis zum 1.R. ging es wirklich richtig gut, an bröseligen Platten ging es weiter nach rechts, die Griffmulden wurden immer kleiner und sandiger, ich hatte schon reichlich Schiss als ich mich um eine Kante Richtung des vermeintlich rettenden Risskamin zog.
"Fatsch"
Die Kante der Hangelschale krümelte talwärts, ich krallte alle Fingernägel in den verbliebenen Rest des Griffes, während die andere Hand hastig nach Optionen suchte - nichts.
‚Du fällst sowieso, dann fall doch wenigstens in den Rissauslauf, vielleicht kannst du dich dort halten', anbetracht dieser Erkenntnis habe ich mich dann irgendwie in die Schlotte gerettet. Jens stürzte dort das erste mal ins Seil - logisch, ich hatte den einzigen Griff ja noch unter den Fingernägeln. Der obere Teil des Weges ist mir kaum noch in Erinnerung, schon auf dem Gipfel hatte ich so ziemlich alle Details vergessen, sofern ich diese überhaupt wahrgenommen habe. Jens fiel noch mehrmals ins Seil, bzw. hangelte.

Wir lümmelten total platt an der AÖ rum, ich denke noch:' Wieso heißt das Ding "Tonne" wenn man nicht mal richtig drauf sitzen kann' und lese im selben Moment eine Erstbegungsbeschreibung im Gipfelbuch:" Zwischen Tonne und unserem Turm Kamin empor..."
Häh..? Wo sind wir eigentlich? Gipfelbuch erste Seite: Glatter Steinturm.
Und was..?
Stunden später steht fest Glatter Steinturm - Dir.Talweg VIIIb (lt. Erstbegeher G.Willenberg) 2.Begehung... ACHT BEH , das kann nicht sein, das können wir doch nicht!
Wir schreiben vorsichtshalber nur "Talweg" rein. Ist immerhin auch VIIc und auch nur der untere Teil unseres Weges. Inzwischen ist der Direktausstieg auch auf VIIc korrigiert worden - wie gesagt, ich kann mich nicht erinnern...

Am selben Abend habe ich sämtliche Zettel mit Wegen die ich mal machen wollte weggeschmissen.

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